Nach vielen Stunden Reise, einer ungeplanten Umbuchung und einer langen Taxifahrt durch die Dunkelheit erreichte ich schließlich spät in der Nacht das Gelände meiner Yoga-Ausbildung in Agonda. Die Straßen wurden immer schmaler, die Palmen dichter und die Umgebung dunkler. Irgendwann gab es nur noch den Lichtkegel unseres Taxis und die Geräusche des Dschungels. Ich war erschöpft, aber gleichzeitig voller Vorfreude. Endlich war ich angekommen.
Schon beim Aussteigen wurde mir klar, dass ich in einer völlig anderen Welt gelandet war. Die Luft war warm, schwer und feucht. Obwohl Januar war, fühlte es sich an wie ein heißer deutscher Hochsommertag – nur eben mitten in der Nacht. Anders als bei uns kühlte es kaum ab. Statt Stille empfing mich ein Konzert aus Grillen, unbekannten Insekten und Geräuschen, die ich bis dahin noch nie gehört hatte. Der Dschungel schlief nicht. Er lebte. Und er machte sich unüberhörbar bemerkbar.
Mein kleiner Bungalow lag mitten zwischen Palmen und tropischen Pflanzen. Von außen wirkte alles wie ein kleines Paradies. Im Inneren war die Unterkunft dagegen sehr schlicht eingerichtet: ein Bett, ein kleines Holzregal, ein Ventilator und ein einfaches Badezimmer. Mehr brauchte man dort eigentlich nicht.
Doch gleich meine erste Begegnung mit meinem neuen Zuhause ließ meinen Puls deutlich ansteigen.
Ich öffnete den Klodeckel – und erschrak. Irgendetwas Schwarzes lebte in meiner Toilette. Immer wieder tauchte es unter Wasser ab, nur um wenige Sekunden später erneut aufzutauchen und mich anzuschauen. Für einen Moment blieb ich wie erstarrt stehen. Mein Gehirn versuchte zu begreifen, was da gerade passierte. Zuhause erschrickt man vielleicht über eine Spinne im Keller. Im indischen Dschungel fragt man sich plötzlich, welche Tiere eigentlich alles im Badezimmer wohnen könnten.
Willkommen in Goa.
In den nächsten Tagen wurde mir schnell klar, dass sämtliche Kriechtiere dort ganz selbstverständlich zum Alltag gehörten. Überall raschelte, summte oder zirpte es. Anfangs kostete mich das unglaublich viel Überwindung. Ich merkte, wie viele kleine Ängste in mir schlummerten, die in meinem deutschen Alltag nie eine Rolle gespielt hatten.
Doch genau darin lag vielleicht schon die erste Lektion dieser Reise.
Indien konfrontierte mich nicht nur mit einer neuen Kultur. Es konfrontierte mich auch mit mir selbst.
Ich musste lernen, Dinge auszuhalten, die ich nicht kontrollieren konnte. Ich konnte den Dschungel nicht verändern. Ich konnte die Tiere nicht vertreiben. Ich konnte nur entscheiden, wie ich ihnen begegnen wollte. Mit jedem Tag wurde ich ruhiger. Was mich am ersten Abend noch erschreckt hatte, wurde langsam selbstverständlich.
Heute glaube ich, dass diese erste Nacht bereits meine erste Yogastunde war – ganz ohne Yogamatte.
Yoga beginnt nicht erst mit einer Asana. Yoga beginnt genau dort, wo wir aufhören, gegen das Leben anzukämpfen, und anfangen, uns auf das Unbekannte einzulassen.
Fortsetzung folgt …
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